Fachbereich Deutsch

Deutsch wird in den verschiedenen jahrgangsübergreifenden Klassen so unterschiedlich unterrichtet wie die beteiligten Akteure – Schüler*innen wie Lehrer*innen – divers sind. Wir gehen differenziert und – wo immer möglich – individualisiert vor. Wir fragen danach, was ein*e einzelne Schüler*in bereits kann und/oder noch braucht. Dabei ist nicht entscheidend, in welchem Jahrgang sich jemand aktuell befindet, sondern wie ihr/sein Lernstand auf dem jeweiligen Gebiet ist. Individualisiertes Lernen passiert beispielsweise über Wochenpläne, in denen ein Hauptthema aus dem Rahmenlehrplan erarbeitet und zugleich individuelle Schwerpunkte in Rechtschreibung und/oder Grammatik erarbeitet werden. Einige Klassen benutzen dafür ein Lernbüro, eine Lerntheke oder auch individuelle Lernhefte. Der Satz der Woche wird gemäß des Montessoriprinzips in vielen Klassen regelmäßig zur Entwicklung des Sprachbewusstseins und zur Festigung der Grammatik verwendet. Populär ist das kreative Schreiben, das meist in dafür bestimmten Heften praktiziert wird, oft verbunden mit Bildender Kunst.

Ein Wochenplan zum Thema Kurzgeschichten kann z.B. Angebote zu Geschichten auf verschiedenen Niveaus und/oder mit verschiedenen Themenschwerpunkten enthalten, aus denen sich die Schüler*innen etwas aussuchen können. So profitieren die jungen Leser*innen von den Geschichten, die ihre Mitschüler*innen ihnen präsentieren. Lektüren sind meist interaktiv strukturiert, etwa in Lesetandems oder in Form szenischen Lesens, weil wir kooperatives Lernen fördern wollen. Am Ende eines solchen Moduls steht oft ein Angebot an Lern- bzw. Wahlaufgaben, die die Schüler*innen nach Neigung aussuchen können. Auf dem Plan stehen aber auch – gemäß der integrierten Grammatikvermittlung – Aufgaben zu den Zeitformen, denn die spielen etwa in Erzählungen eine wichtige Rolle und/oder zum Konjunktiv I, um in Inhaltsangaben bzw. Textanalysen etwa von Kurzgeschichte differenziert argumentieren zu können. Als ein weiteres Beispiel sei eine Einheit zur Lyrik genannt, die nicht allein der Absicht folgt, Gedichte individuell zu verstehen, zu interpretieren und vorzutragen, sondern neben der Erarbeitung der sprachlichen Mittel auch zugleich auf eine Resie durch die Epochen der Literaturgeschichte einlädt. Deutsch wird bei uns häufig international gedacht. Beispielsweise verknüpfen wir, wenn wir Shakespeares Tragödie Romeo und Julia lesen, Englisch und Deutsch, spielen Theater und analysieren Filmszenen (auch auf englisch). Über Romane, wie etwa zur deutschen Geschichte von Klaus Kordon, verfassen wir nicht nur Gebrauchstexte wie Rezensionen, die als Lesetipps im Zottel erscheinen können, sondern auch Podcasts, über die wir uns sowohl analog als auch digital austauschen.

Ganz entscheidend ist bei uns der Gedanke der Inklusion, für die die altersgemischten Gruppen hilfreich sind. Inklusion wird realisiert, indem wir einerseits eng verzahnt miteinander und andererseits hochgradig individualisiert arbeiten, etwa mit zusätzlichen Förderheften, Montessorimaterial, verschiedenen Lineaturen, mit wöchentlich festen Terminen mit unseren Lesepaten. Essentiell für Inklusion ist die Doppeltsteckung, denn unser Konzept bedeutet schüler*innennahes, selbständiges und zugleich begleitetes Lernen.

In den meisten Klassen wird das Fach Deutsch fächerübergreifend gedacht, dem Gedanken folgend, dass in allen Fächern Sprachbildung passiert und die Deutschunterrichtszeit von den SuS genutzt werden kann, an Texten für andere Fächer zu feilen. Denn ein Text ist nicht sofort fertig und ab in die Schublade. Nein, wir praktizieren Prinzipien wie die Schreibwerkstätten und arbeiten dabei nach dem Motto, dass Fehler, Schnitzer, Irrtümer die beste Grundlage zur individuellen Weiterentwicklung bieten. Die Verzahnung des Faches Deutsch mit dem themenzentrierten Unterricht (TZU) ist konzeptionell verankert, d.h. interdisziplinäre Projekte des TZU werden im Deutschunterricht durch eine literarische oder sprachspezifische Themen ergänzt.

Wie sieht das genau aus? Stellt euch vor, ihr behandelt die drei Weltreligionen. Dazu erarbeitet ihr euch die Grundsätze der monotheistischen Religionen, also der drei großen Glaubensgemeinschaften. Im Rahmen dessen besucht ihr eine katholische Kirche, eine Moschee, einen alevitischen Tempel und eine Synagoge. In Deutsch lest ihr die Ringparabel aus Lessing Stück „Nathan der Weise“ und entwickelt dazu verschiedene Projekte, die, wenn es sich etwa um einen Podcast handelt, eher in die politische, wenn es sich um ein Kinderbuch oder Kalligraphien handelt, eher in die künstlerische Richtung gehen. Unser sogenannter Deutsch-iranischer Kalligraphieteppich wurde in Zusammenarbeit mit dem Manzoumeh Kherad Institute, einer Mädchenschule in Tehran auf Deutsch und Farsi entwickelt. Mehrere Klassen haben sich so auf kreative Weise mit Lessings Ringparabel beschäftigt und damit am Schülerwettbewerb zur Eröffnung des House of One beteiligt, auf dessen Website man die Beiträge bewundern kann.

Oder ihr lest das „Tagebuch der Anne Frank“ in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, erkundet die jüdische Geschichte des Viertels Lichterfelde West und bereitet gemeinsam eine Stolpersteinverlegung eurer Klasse vor. Einige aus der Klasse forschen dafür im Archiv nach den Familiengeschichten der ermordeten Menschen, andere spüren deren Nachkommen auf, schreiben Briefe, laden sie zur feierlichen Verlegung des von euch gestifteten Stolpersteins ein. All das ist Deutschunterricht – in Verbindung mit Geschichte.

Der Deutschunterricht in der Oberstufe beginnt, wie andere Fächer auch, in der Einführungsphase (11. Klasse) mit einer mehrwöchigen Lernwerkstatt, wo der individuelle Lernstand ermittelt wird. In der Qualifikationsphase wird etwa das Kommunikationssemester neben vielen praktischen Übungen (bis hin zur Verbreitung von Fake News und der Analyse des Vorgangs in unserer Schüler*innenzeitung Zottel), aber auch Schreibwerkstätten, Science-Slams, kooperativen Lernformen wie Wandzeitungen, Mysterys, Umfragen etc. üblicherweise mit Exkursionen verbunden, sei es in die Lutherstadt Wittenberg oder ins Kommunikationsmuseum. Das Semester mit Schwerpunkt Dramatik ist meist geprägt von einer Theateraufführung aller Deutschkurse, 2019 waren das „Kabale und Liebe“ sowie „Don Carlos“ und 2020 das VideoTheaterprojekt „Coronation Iphigenie. Goethe meets Schiller“. Im Fontanejahr hat uns eine Jahrgangsexkursion nach Neuruppin geführt, wo die Abiturient*innen den Escape Room genossen sowie sämtliche Werke von Fontane in 5 Minuten spielten. Mit dem historischen Umfeld der behandelten Literatur beschäftigen wir uns nicht nur intensiv im Unterricht, sondern auch auf Exkursionen, wie etwa ins Neue Palais in Potsdam oder Schloss Charlottenburg. Steht zeitgenössische Lyrik auf dem Programm veranstalten wir neben den Analysen und kreativem Schreiben Aktionen wir Poetryslams und besuchen Dichterlesungen, Literaturhäuser, verfassen Artikel für den Zottel uvm.

Seit 2019 findet jährlich eine Autor*innenlesung statt. So hatten wir im Januar 2019 den preisgekrönten polnischen Dichter, Tadeusz Rόżycki, zu Gast und im November 2019 Steffen Mensching, Romanautor, Clown und Sänger, der zu den Künstlern des 4.November 1989 gehörte und nun Intendant des Theaters Rudolstadt. Im Januar 2021 ist eine Lesung von Manja Präkels vorgesehen, deren mit dem Jugendbuchpreis ausgezeichneter Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ in mehreren Klassen gelesen wird.

Im Januar 2020 fand zum ersten Mal eine Hörbuchnacht statt, bei der ein Jugendroman von einer eigens dafür gecasteten Gruppe von Schüler*innen vorgelesen wurde. Bei dieser tollen Aktion lauschten die Klassen dem vom Sekretariat aus über die Schullautsprecher in alle Räume übertragenen Roman und hatten es unterdessen sehr gemütlich miteinander. Daraus soll eine Tradition entstehen, denn bekanntlich gefährdet das Lesen die Dummheit.